Tagungsbericht: „The Globalization of Ayahuasca“

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Veranstalter: Dr. Henrik Jungaberle; Beatriz Caiuby Labate; Prof. Dr. Rolf Verres
Institut für medizinische Psychologie, Universität Heidelberg vom 16.5.2008 – 18.6.2008;


Gliederung

I. Einleitung

Im Rahmen des Forschungsprojektes RISA (Ritualdynamik und Salutogenese beim Gebrauch und Missbrauch von psychoaktiven Substanzen), einer 10-Jahres-Längsschnittuntersuchung, in welcher die Entstehung, die Dynamik und der entwicklungspsychologische Stellenwert von Ritualisierungen im Umgang mit legalen und illegalen psychoaktiven Substanzen bei Jugendlichen erforscht werden soll, fand vom 15.5. bis 18.5.2008 ein Kongress unter dem Titel „The globalization of Ayahuasca“ an der Universität in Heidelberg statt.

Geladen waren neben einem interdisziplinären Team aus Wissenschaftlern auch Aktivisten und Mitglieder der „Ayahuasca-Scene“.

Bei Ayahuasca handelt es sich um einen psychoaktiven Tee, der aus dem Sud von Lianen (u.a. Banisteriopsis caapi und Psychotria viridis) besteht und von Schamanen in Südamerika seit langer Zeit hergestellt wird. Glaubensgemeinschaften wie Santo Daime oder Uniao do Vegetal konsumieren den Tee als Sakrament im Rahmen von kollektiven spirituellen bzw. religiösen Ritualen.

Aufgrund der Tatsache, dass sich die Existenz dieser Religionen nicht mehr allein auf Südamerika beschränkt, sich diese Glaubensgemeinschaften bzw. entsprechende Untergruppen vielmehr weltweit zusammenfinden, findet gleichzeitig auch eine Ausbreitung dieses Tees statt (vgl.: Tupper, „The globalization oy ayahuasca: Harm reduction or benefit maximation?„, in: Journal of Drug Policy 2006; Santos et al. „Effects of ayahuasca on pychosomatic measures of anxiety, panic-like and hopelessness in Santo Daime members“, in: Journal of Ethnopharmacology 2007, 507-513).

Strafrechtlich erheblich ist diese Tatsache insofern, als sich in dem Ayahuasca-Tee unter anderem der halluzinogene Wirkstoff Demethyltryptamin (DMT) befindet, der einerseits von den internationalen Drogenkonventionen umfasst wird, andererseits aber als [2-(5-Methoxyindol-3-yl)ethyl]dimethylazan auch den Regelungen des deutschen BtMG untersteht (Anlage I BtMG).

Während die Frage nach der rechtlichen Einordnung der religiösen Verwendung von Ayahuacsa in anderen Ländern wie Kanada, Frankreich, Niederlanden, Spanien, USA
bereits Gegenstand höchstrichterlicher Rechtsprechung war (vgl.: Auf dem Hövel, „Droge oder Sakrament?„), findet sich in Deutschland noch kein Urteil zu diesem Komplex.

In den Medien taucht Ayahuasca dabei bereits seit mehreren Jahren immer wieder in Form einer eher einseitigen bzw. negativen Medienberichterstattung auf (vgl.: Der Spiegel, 10/1994, v. 7.3.1994, S. 110-111).

Die Heidelberger Tagung hatte es sich dabei zum Ziel gemacht, verschiedenste Aspekte des weltweiten Ayahuasca-Konsums zu durchleuchten, sowie die medizinischen, kulturellen und gesundheitlichen Auswirkungen darzustellen.

II. Inhalt der Konferenz

Die Konferenz war insgesamt in 5 Sektionen unterteilt, wobei sich der erste Teil (Fr.: 15.5.2008, 9:00 – 12:15) mit der soziokulturellen, psychologischen und pharmakologischen Perspektive des Ayahuascakonsums beschäftigte.

Einleitend wurde hier zunächst ein Überblick über die Substanz Ayahuasca nebst Inhaltsstoffen, sowie deren Globalisierung und die jeweilige rechtliche Situation gegeben. Im Einzelnen wurden dann am Beispiel von differierenden Ayahuascakonsumformen kulturelle Unterschiede und Missverständnisse deutlich gemacht.

So muss dem Substanzgebrauch je nach Gesellschafts- und Kulturprägung ein unterschiedliches Verständnis zugrunde gelegt werden. Während Ayahuasca innerhalb der jeweiligen Glaubensgemeinschaften aus religiösen, spirituellen und gesundheitlichen (heilenden) Gründen getrunken wird, können darüber hinausgehend auch drogenexperimentelle Gründe Grundlage des Konsums sein.

Zu Fragen gilt in diesem Zusammenhang, inwiefern die Umstände und Motivationen der Einnahme Einfluss auf die gesundheitlichen Auswirkungen haben.

Der Freitagnachmittag (14:30 – 19:00) galt einer internen Darstellung, wobei Vertreter der Santo Daime Community, der Uniao do Vegetal Verbindung und unabhängiger Gruppen zu Wort kamen.

Hierbei wurden die jeweiligen Traditionen und Motivation des Konsums in Verbindung mit spirituellen bzw. religiösen Hintergründen dargestellt und die Unterschiede der Ausübungsformen der jeweiligen Glaubensformen herausgearbeitet, die mitunter stark von der Nation bzw. Region abhängen.

Als Ergebnis dieser Sektion konnte formuliert werden, dass nicht nur in Südamerika, sondern auch in westlich geprägten Ländern der Gebrauch von Ayahuasca stark mit religiösen und spirituellen Zwecken in Verbindung steht, und dass die Substanz bisher eher selten
außerhalb von den Gruppierungen konsumiert wird, wobei hier jedoch auf die einsetzende Ausweitung des sog. Freizeitkonsums hingewiesen wurde. Eine Einnahme unter dem Aspekt des Freizeitvergnügens wurde von den Teilnehmern dabei als nicht unbedenklich eingestuft, da hier sowohl die festgelegten Einnahmerituale missachtet werden und in der Regel zudem die Anleitung und Begleitung durch einen erfahrenen Schamanen fehle.

Weiterhin wurde deutlich gemacht, dass eine Glaubensausübung im Rahmen der Santo Daime Kriche bzw. der Uniao do Vegetal in Deutschland hinsichtlich der betäubungsmittelrechtlichen Situation kaum möglich sei, so dass Anhänger sich mitunter gezwungen sahen, ins Ausland abzuwandern bzw. heimlich zu agieren.

Sektion 3, fand am Samstag unter dem Titel: „Wissenschaftliche Perspektiven: Die Dynamik von Ritualen und die Veränderung des kulturellen Bewusstseins“ von 9:00 bis 11:30 statt. Zunächst wurde hier darauf hingewiesen, dass es in den Niederlanden neben der Santo Daime Kirche viele weitere nicht kirchengleiche Ayahuasca Netzwerke existieren, wobei der Konsum hier überwiegen ebenfalls spirituell begründet ist. Der Ayahuasca Konsum wird in den Niederlanden aufgrund der Religionsfreiheit toleriert, wobei auch hier eine feste Definition von dem Begriff „Religion“ nicht existiert.

Daneben wurde die Entwicklung einer Studie vorgestellt, welche es sich zum Ziel gemacht hat, Parameter und Kriterien zu entwickeln, anhand derer die mitunter sehr verschiedenen Motivationen und Ausübungsformen des weltweiten Ayahuasca-Konsums untersucht und eingeordnet werden können. Diese Studie befindet sich allerdings noch in der Entstehung.

Zudem wurde seitens eines Uniao do Vegetal-Mitgliedes aufgezeigt, wie im brasilianischen Amazonasgebiet die oben genannten Ayahuasca-Pflanzen kultiviert und verarbeitet werden. Dabei werden bereits seit mehreren Jahren Plantagen angelegt, einerseits um die diesbezüglichen natürlichen Bestände des Regenwaldes nicht zu gefährden, andererseits sind die Glaubensgemeinschaften in Brasilien hierzu gesetzlich verpflichtet.

Unter dem Aspekt „gesundheitliche und medizinische Gesichtspunkte des Ayahuasca-Konsums“ stand dann der 4. Teil der Tagung (Sa., 15:00- 19:30).

Hier wurde der derzeitige wissenschaftliche Kenntnisstand hinsichtlich der potentiellen physischen, psychischen und gesellschaftlichen Auswirkungen des Ayahuasca-Gebrauchs dargestellt, die sowohl hinsichtlich der akuten als auch der chronischen Effekte als moderat beschrieben werden können. So wurden bei den Mitgliedern von Santo Daime und Uniao do Vegetal sowie den jeweiligen Splittergruppen bisher keine nennenswerten Folgen nachgewiesen, obwohl mitunter ein jahrzehntelanger regelmäßiger Konsum vorliegt. Inwiefern dies aber in Zusammenhang mit dort bestehenden festen Einnahmeritualen steht, bedarf weiterer Untersuchungen.

Daneben wurden Erfahrungsberichte dargestellt, wonach sich der Einsatz von Ayahuasca im Rahmen der Drogensuchtbehandlung und der Behandlung von psychischen Erkrankungen als erfolgversprechend gestaltet, wobei auch hier weitergehende Forschungen fehlen. So wurde der Einsatz in der modernen Medizin in Form von chemisch herstellten Ayahuasca-Präparaten ohne gleichzeitige spirituelle und religiöse Begleitung als kritisch betrachtet. In diesem Zusammenhang wurde aber auch von vorgenommen Selbstmedikation mit Ayahuasca berichtet, die bei unterschiedlichsten Erkrankungen zu einer Heilung bzw. Linderung des Krankheitsbildes geführt hat. Wegen einer mitunter gleichzeitigen Einnahme von klassischen schulmedizinischen Medikamenten sind diese Ergebnisse allerdings wenig aufschlussreich.

Der 5. und letzte Teil der Tagung hat sich der rechtlichen Situation des Ayahuascakonsums gewidmet. Insbesondere die Einordnung des religiös begründeten Konsums im Rahmen der Uniao do Vegetal in den USA statt hierbei im Vordergrund, da der Supreme Court in einer Entscheidung aus 2006 bestimmt hatte, dass die Einnahme des Tees religiös motiviert sei und damit unter die Religionsausübungsfreiheit falle. Damit wurde den Anhängern der Glaubensgemeinschaft ein solcher Konsum explizit gestattet.

Ob sich dieses Ergebnis auch auf andere Länder übertragen lässt, und wie dieses Ergebnis mit den internationalen Drogenkonventionen von 1961, 1971 und 1988 einhergeht, konnte jedoch nicht abschließend erörtert werden.

III. Ergebnis

Abschließend wurde das Resümee gezogen, dass die Ayahuasca-Forschung trotz der bisher existierenden vielschichtigen Erkenntnisse noch am Anfang steht, und das es weiterer wissenschaftlicher Untersuchungen bedarf, wobei dies interdisziplinär zu erfolgen hat und nicht auf einzelne Gebiete beschränkt werden kann.

Zudem wurde betont, dass der traditionelle Konsum von Ayahuasca insbesondere auch unter dem Aspekt der religiösen und spirituellen Einnahme gesehen werden muss, so dass sich eine bloße Berufung auf die betäubungsmittelrechtliche Situation verbietet. Folglich muss nicht nur die Frage erörtert werden, inwiefern das bisher als gering eingestufte Gefährdungspotential von Ayahuasca eine Kriminalisierung e, darüber hinausgehend bleibt zu erörtern, inwiefern der religiöse Hintergrund eine Berufung auf die Religionsfreiheit gem. Art. 4 GG ermöglicht.

Wissenschaftliche Mitarbeiterin
Dr. Nicole Krumdiek, Bremen

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