Texte aus dem Gottesdienst am Gedenktag für verstorbene Drogengebraucher

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Erfurt Michaeliskirche 21. Juli 2001

I

„Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein“ Johannesevangelium 8/7b

Man brachte einen Junkie zu Jesus und forderte ihn auf, das Urteil zu sprechen. „Nach unseren Gesetzen ist er schuldig“ riefen sie alle, „er muss bestraft werden, sonst macht sein Beispiel Schule. Los, fälle den Richterspruch!“ – doch Jesus stand nur ruhig und nachdenklich da. bis er zur Menge sagte: „Wer von euch ohne eine Suchtgefährdung lebt, der werfe den ersten Stein.“

Nun wurden die Anderen ebenfalls ruhiger. Als erstes ließ der Kettenraucher seinen Stein fallen und schlich leise davon. Der Autofetischist folgte ihm kurz darauf. Auch der besessene Computerfreak nickte schließlich und verschwand. Der Biertrinker brauchte etwas länger, und der Karrieresüchtige sah es dann auch ein, dass er nicht derjenige sein kann, der werfen könne.

Zuletzt blieben nur noch Zwei stellen: der Machtbesessene und der Profitgierige. Ich fürchte, sie halten die Steine noch immer in der Hand. sonst würde es heute den meisten Junkies besser gehen.

II

Wir erinnern heute an Menschen, die sonst nur in Statistiken oder Schreckensmeldungen der Presse auftauchen; es geht aber nicht um Zahlen oder Abschreckung!!

Es geht um konkrete Menschen mit Namen und Gesicht, mit einer Stimme die sie hatten, mit einer ganz eigenen Geschichte, es geht um konkrete Menschen mit Freunden, Partnern, Angehörigen. Das Leid all dieser Menschen darf nicht benutzt werden – weder publizistisch noch politisch.
Jeder Drogentote ist eine Mahnung, ist die Anfrage: Wie gehen wir mit Drogengebrauch und Drogengebrauchern in unserer Gesellschaft um?!

Natürlich meinen alle es nur gut, wenn mit Zwang und Polizei, mit Gewalt und Strafvollzug, mit Strenge und Ablehnung Menschen von Drogen abgehalten werden sollen oder man sie von Drogen wegbringen will. Natürlich meinen „wir“ es nur gut…

„Der große bengalische Dichter Rabindranath Tagore hat einmal gesagt: Wer Gutes tun möchte, klopft ans Tor; wer liebt, findet das Tor offen. Er hat damit sagen wollen, dass es zum anderen nur einen einzigen gewaltlosen Zugang gibt. Und Tagore meint, es sei ein Unterschied, ob ich jemanden liebe oder ob ich ihm „Gutes“ tun will. Das Gute, das ich in einem anderen tun will, ist ein Ergebnis meiner Vorstellungen vom Guten. ICH meine, daß der andere dieses oder jenes benötigt, an Unterstützung, Mahnung, Lob oder Tadel. Aber stets muss ich anfragen, ob der andere es auch will, ob es wirklich auch für ihn und nicht nur in meiner Vorstellung gut ist, was ich mit ihm vorhabe. Jemand klopft an, er will Gutes tun, ganz ohne Frage, aber es wird nicht aufgemacht, der andere verschließt sich; da bricht er ein, reißt mit Gewalt die Widerstände nieder, setzt sich gegen den Willen des anderen durch und verwirklicht sein Programm, autoritär, diktatorisch, ideologisch. Denn er weiß ja, „was der andere braucht“. Mag sein, er weiß es wirklich, und es kann trotzdem für den anderen falsch sein. Es ist wie wenn man Blumen, die einem nicht rasch genug wachsen, so lange zupft, bis ihnen die Blütenblätter ausgerissen sind. Es ist, wie wenn jemand, der sich zu erkälten droht, mit einem Wärmeschal erstickt wird. Jede Veränderung eines Menschen, die außerhalb der Liebe stattfindet, ist ein Einbruch und ein Raub.

Man kann alles ins Gegenteil verkehren. Vor allem aber kann die Fähigkeit der Liebe sich völlig ins Falsche verkehren. Ihr feines Gespür für die wahren Interessen, Wünsche und Bedürfnisse des anderen kann zu der Grausamkeit einer starren Ideologie entarten, die in idealistischer, wohlmeinender Blindheit über Leichen geht, nur um die „wahren“ Interessen der Betroffenen zu vertreten.

Aber, um noch einmal Tagore zu zitieren: „Ich weiß, dass dieses Leben, das in Liebe zu reifen versäumte, nicht ganz verloren ist. Ich weiß, dass die Blumen, die beim Morgengrauen welken, dass Bäche, die sich in der Wüste verirren, nicht ganz verloren sind. Ich weiß, dass meine noch unerfüllten Träume, meine noch nicht gespielten Melodien noch in einer Deiner Lautensaiten schlummern und nicht ganz verloren sind.“ (Eugen Drewermann, Was uns Zukunft gibt)

III

STEINE TRAUER OPFER
Drogentote??

  • TOD Atemdepression Kreislaufzusammenbruch wegen Überdosierung Streckmittel Mischkonsum
  • TOD HIV AIDS infiziert im Knast oder auf der Straße wegen fehlender Möglichkeit sauber und stressfrei zu fixen
  • TOD unterlassene Hilfeleistung bei einem Drogenunfall wegen fehlender Aufklärung oder aus Angst vor der Polizei
  • TOD im Knast zerbrochen zerstört vor die Hunde gegangen
  • TOD Opfer rechtsradikaler Gewalt
  • TOD Selbsttötung wegen unerträglicher Schmerzen auf Grund mangelhafter Schmerztherapie zu geringer Opiatgabe kein Hanf als Heilmittel
  • TOD Hinrichtung wegen Drogenbesitz, -anbau oder –handel in China, Iran, Malaysia, Vietnam

Menschen sterben an Drogen?

An Drogen kann man sterben. Aber weitaus mehr sterben Menschen an Ausgrenzung.

Steine werden in unserer aufgeklärten Gesellschaft zur Steinigung nicht mehr geworfen.

Es werden damit Mauern gebaut: Gefängnismauern, Isolationsmauern, Mauern in Köpfen.

Wir bauen Mauern, um uns zu schützen. Wir wollen die Gesellschaft, unsere Familien und vor allem unsere Kinder beschützen – und doch handeln wir in Wirklichkeit aus Unwissenheit und Unkenntnis, aus moralischer Ablehnung, aus Suche nach Sündenböcken, um von eigener Schuld und eigenem Versagen abzulenken – und tragen damit dazu bei, dass Menschen unbarmherzig ausgegrenzt werden, dass Menschen – konkrete Menschen mit Namen und Gesicht, mit Freunden, Partnern, Angehörigen – zugrunde gehen. Aber Ausgrenzung macht immer beide Seiten krank; die Ausgegrenzten und die Ausgrenzer, die Drogengebraucher und die Gesellschaft. Wir machen uns krank – mehr, als die Drogen selbst es könnten!!

Auch die Ausgrenzung ist konkret, wie deren Opfer:

Da sind unsere Medien – Presse, Funk und Fernsehen -, die in ihrer DrogenFrontberichterstattung billigend in Kauf nimmt, dass Mauern in den Köpfen entstehen. Feindbilder werden aufgebaut, hinter denen die betroffenen Menschen nicht mehr erkennbar sind. Zu oft werden platte Klischees statt differenzierte Betrachtungen transportiert; noch viel zu oft wird statt Meinungsstreit nur Propaganda geliefert. Doch Propaganda ist geradezu das Gegenteil von Prävention.

Da ist die Politik. Nach wie vor setzt sie auf Kriminalisierung statt auf Integration und Hilfe. Im Zweifelsfalle und besonders zu Wahlzeiten profilieren sich politische Verantwortungsträger auf Kosten der Betroffenen. Hilfe wird verweigert, wo sie möglich wäre. Bereits bestehende Probleme werden durch die Drogenpolitik noch verschärft; und wo eigentlich keine Probleme bestehen, werden mit viel Einsatz neue geschaffen. Die Politik trägt eine direkte Verantwortung für jeden einzelnen Drogentoten!

Und da ist die Medizin. Ob es sich um den unbürokratischen Einsatz von Opiaten zur Schmerzbehandlung oder zur Substitution, um die Anwendung von Hanf als Heilmittel oder die Nutzung anderer illegalisierter Substanzen zu therapeutischen Zwecken handelt: statt mit aller Kraft für ihre Patienten zu kämpfen, geben Mediziner ihre Kompetenz an Juristen ab, praktizieren Therapieverweigerung und nehmen so Schmerz, Leid oder gar Tod ihnen anvertrauter Menschen in Kauf. Und dies allein aus dem Grund, um die herrschende Ausgrenzung mit zu sanktionieren

Der heutige Umgang mit Drogen und Drogengebrauchern erinnert eher an die abergläubische Panik der Hexenprozesse als an eine aufgeklärte Sachlichkeit unter Maßgabe der Menschenrechte. Doch Angst und Panik waren noch nie gute Ratgeber.

An Drogen kann man sterben – man muss es aber nicht. Mit Drogen kann man leben, dies ist eine kulturhistorisch nachweisbare Realität.
Es ist die dringlichste drogenpolitische Aufgabe, Drogengebrauch und Drogengebraucher zu integrieren; denn mit Drogen kann man leben, mit der bestehenden Ausgrenzung nicht; die bleibt das tödlichste Risiko.

Deshalb gibt es diesen Gedenktag, deshalb kommen wir zusammen und reden von unseren Toten, von unserer Trauer, unserer Wut. Wir wollen das nicht mehr wie früher nur für uns, im Privaten und Verborgenen tun. Damit würden wir nur die Ausgrenzung fortschreiben. Wir zeigen unsere Trauer! Wir machen unseren Schmerz öffentlich. Wir rücken damit auch der Gesellschaft auf die Haut. Das ist das Mindeste, was wir für tun können für die, mit denen wir uns nach wie vor so eng verbunden fühlen.
Damit wandelt sich aber dieser Tag. Nicht allein ein Tag der Trauer bleibt er, er wird ebenso zum Tag der Hoffnung. Denn wir finden uns nicht länger mit der Ausgrenzung ab. Wir durchbrechen die verordnete und praktizierte Isolation. Und wir machen uns zusammen auf den Weg, diese tötende Ausgrenzung gemeinsam zu überwinden.

Ich bin mir sicher, dass all die, an die wir jetzt denken, um die wir trauern, heute auf geheimnisvolle Weise mit anwesend sind und uns jetzt berühren .Und sie werden über diese Stunde hinaus uns begleiten und mit dabei sein auf unseren Weg.

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